Die Psychologie von The Wall – eine andere Kritik

Der folgende Text wurde 2013 geschrieben, kurz nach dem Konzert von Roger Waters im Berliner Olympiastadion.

Albumcover von The Wall, 1979

Als 14-Jähriger wollte ich mir The Wall 1990 in Berlin im Fernsehen ansehen. Im ZDF. Ich weiß es noch genau. Doch meine Mutter verbot es mir. Das sei zu spät! 22 Uhr! – Was soll man da machen? Ich argumentierte, lamentierte – rebellierte? Letzteres wohl eher weniger, wenngleich es Anlass genug gab. Stattdessen kaufte ich mir später die Doppelkassette (!) der Inszenierung, was zugleich meine erste Musik war, die ich käuflich erwarb. Damit war ich neben meinen Klassenkameraden ein Außenseiter.

Tränen in den Augen

Inzwischen bin ich nach Berlin gezogen und war am Mittwoch auf dem Konzert von Roger Waters. Damit schließt sich ein Kreis meiner Biographie, indem ich das mir verweigerte Konzert nun doch sehen konnte, wenngleich auch ohne Brian Adams, Sinéad O‘Connor oder Klaus Meine. Damals war The Wall für mich eine Orientierung, auch wenn ich nicht ganz verstand, was das alles sollte mit den worms und den bricks. Später recherchierte ich und war überrascht über die Spaltung der Kritik in einerseits gute Musik und andererseits übertriebenen Pathos, denn für mich war die Größe des Albums eindeutig.

Auch im Vorfeld des hiesigen Konzerts las ich ein paar Artikel, die in ähnliche Richtungen gingen, wobei die Kritik am Pathos, am Narzissmus Waters‘ bzw. der (vermeintlich) übertriebenen Selbstbezogenheit deutlich hervorstach. Gerade so, als müssten sich die Verfasser vom Moment des Fremdschämens befreien.

Schon nach dem ersten Stück standen mir die Tränen in den Augen.

Zugleich fiel mir das Pathos, der Narzissmus als auch die Selbstbezogenheit von Roger sofort auf. Aber ich meinte, eine Antwort auf das „Warum“ zu haben: Waters hat seinen Vater früh verloren.

Fasse ich diese Erkenntnis noch allgemeiner, ist sie zunächst nichts Neues: Roger Waters betreibt durch The Wall einen gehörigen Akt der Selbsttherapie.

Privilegierte Selbsttherapie

Er kann dies in einer Form tun, die den Meisten verwehrt bleibt, weil sie nicht die entsprechend große Bühne haben. Dabei aber ist zu trennen zwischen einerseits dem therapeutischen Akt an sich und andererseits der übertriebenen Darstellung. Denn Therapie bedarf keiner Bühne, (Selbst)Darstellung hingegen schon. Dabei ist Waters m.E. nach ein Gefangener seiner Selbst. Er kann nicht anders. Es ist die Großartigkeit des verletzten Kindes, wie sie Alice Miller beschreibt.

Genauer: Der Hang oder der Wunsch zur Großartigkeit des verletzten Kindes, das in dieser Großartigkeit vor allem Eines versucht, nämlich den eigenen, sonst überbordenden Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Indem das Kind großartig ist, also Leistung bringt, kann es sich an der Anerkennung der anderen erfreuen und muss sich nicht mit der eigenen Pein befassen.

Das Drama des begabten Kindes

Das aber geht früher oder später nach hinten los, so Miller, weil Verdrängung eben nur Kompensation aber keine Bewältigung ist. Die Gefühle jedenfalls sind schmerzlich, daher müssen sie vermieden werden.

Warum aber muss das in Pathos oder in der Generalanklage der ganzen Welt münden?

Das kann ich auch nicht sagen. Ich kann nur offensichtliche Parallelen zu mir bestätigen, die mir nicht aus dem Sinn gehen: Mit dem Suizides meines Vaters, als ich elf Jahre alt war und der dann folgenden psychotischen Erkrankung meiner Mutter, hatte ich de facto beide Eltern verloren. Und ich hatte später einen ähnlichen, wenn nicht denselben Hang zur „Großartigkeit“ wie der liebe Roger.

So war ich der Ansicht, dass mich andere nur dann lieben, wenn ich „leiste“ und da ist es besser, wenn man etwas „Großes“ leistet. Auch die Unterteilung der Welt in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß, in Richtig und Falsch, verbunden mit der radikalen Forderung der Änderung, um nicht zu sagen der Anklage und Verurteilung der vermeintlich Schuldigen, sind Züge, die ich von mir kenne (vgl. das Stück: The Trial).

Gelebter Pathos und Narzissmus

Zu gerne hätte ich als guter König die Welt von ihren Übeln befreit, nicht wissend, dass dies auch einem Absolutismus gleich käme, den es eigentlich zu bekämpfen galt (und gilt). Ebenso ist eine irgendwie gestörte Beziehung zum anderen Geschlecht für mich kein fremdes Thema. Mother und Young Lust beschreiben zum einen die übertriebene, weil einengende Liebe der eigenen Mutter, die sich zu sehr nach dem Sohn sehnt, weil der Ehemann verloren ist (diesmal kongenial von Waters als den sich mütterlich gebenden Überwachungsstaat inszeniert) und zum anderen die ebenfalls übertriebene, weil als zwanghaft und mit Hang zur Katharsis dargestellten Lust am weiblichen Geschlecht, wo von Liebe keine Spur ist und die ebenfalls durch Leistung getrieben scheint.

The Wall an sich also ist narzisstisch und Waters weiß das, denn er vermerkte dies selbst, als während des Konzerts ein Video mit ihm aus früheren Zeiten eingespielt wird. Zugleich nimmt man ihm diese Einsicht nicht ganz ab, hat man ihn Minuten zuvor noch mit erhobenen Fäusten und dem Ausdruck der arroganten Selbstgewissheit auf der Bühne einmarschieren sehen. Das alles hat den Beigeschmack der Selbstinszenierung, die aber nachvollziehbar wird, wenn man sich klar macht, dass man dort ein verletztes Kind beobachtet. Ein Kind, das seinen Vater früh – viel zu früh – verloren hat.

Wie gesagt, Waters hat Glück gehabt, dass er die Bewältigung auf eine Art und Weise durchführen kann, die wenigen vergönnt ist. Auch bemitleiden sicherlich nur wenige einen (ich vermute) Millionär bei seiner Trauerarbeit, schon gar nicht heute, in unseren ökonomisch getriebenen Zeiten.

Langwierige Bewältigung des Traumas

Zugleich zeigt die Causa Waters noch etwas anderes, nämlich dass die Bearbeitung der Traumata, hervorgerufen durch den Verlust der Eltern (oder eines Elternteils) während der Kindheit, einen Bewältigungsakt nach sich zieht, der weitaus langwieriger und tiefgreifender ist, als sich die meisten das vorstellen mögen. Wäre Waters über seinen Verlust hinweg, so die These, würde er The Wall nicht mehr oder zumindest nicht mehr so, also mit demselben Auftreten und derselben Generalanklage auf die Bühne bringen. (Über die Gegenthese, dass auch ohne diesen Schmerz Kreativität möglich ist, bin ich Dank des Midnight Gospel gestolpert.)

Man kann sich also von dieser Inszenierung angewidert durch Pathos und Narzissmus abwenden. Man kann aber auch akzeptieren, dass hier ein prominentes Beispiel eines Kindheitsschmerzes seine Bahnen zieht, und dass die Ausmaße dieses Schmerzes bei den wenigsten angekommen sind, denn sonst würden sie diese Kritik nicht in der gleichen Form vorbringen.

Oder aber, die Kritiker haben selbst einen ähnlichen Verlust erlitten und müssen die Kritik vor allem deshalb vorbringen, um die von Waters hervorgerufene Erinnerung an ihren eigenen Schmerz abzuwehren.

In beiden Fällen ist zu konstatieren, dass The Wall unter diesem Gesichtspunkt erst recht wieder angehört – und wohl auch aufgeführt – werden muss. Waters‘ Beispiel verweist damit auf die Frage, wie wir mit der Bewältigung von Trauer umgehen – ganz gleich, ob wir diese als Kinder schon erleben müssen oder nicht.

Trauerarbeit bei Kindern

Die Ironie in Bezug auf die angesprochene Kritik an Waters‘ Rock-Oper und deren vermeintlichem Pathos ist, dass sie aus einem ganz anderen Blickwinkel, nämlich jenem, der auf den Schöpfer fokussiert, aktueller ist denn je und dass dies wohl so gar nichts mit der ureigentlichen Intention des Schöpfers dieser Rock-Oper zu tun hat: Offenbar gehen wir mit Trauer an sich und vor allem bei Kindern noch immer nicht richtig um, so dass selbst ein 75-Jähriger seinen Schmerz ebenfalls noch immer und für andere peinlich zu beobachten zur Schau Stellen muss.

Addendum: Wenige Jahre später hörte ich zufällig auf BBC-Radio ein Interview mit Waters. Er erzählte von einer Begegnung mit einem älteren Herrn, der ihn nach einem Konzert hinter der Bühne traf. Waters beschreibt, wie der Herr, der im Alter seines Vaters hätte sein können, zu ihm sagte: „Your father would be proud!“

Als Waters diesen Satz sagt, stockt ihm die Stimme, zwar nur leicht, aber es ist zu spüren, wie ihm der Satz nachgeht. Die Sehnsucht nach seinem Vater, die Trauer, alles kommt auf einmal hoch und er würgt es kurz vor den Tränen, die ihm in die Augen zu steigen scheinen, ab.

Nun weiß ich nicht, ob es der Pietät des englischsprachigen Moderators oder der durchaus manchmal wirschen Art von Waters zuzuschreiben ist, vor der Moderator berechtigterweise Angst haben könnte, dass Letzterer an diesem Punkt nicht ansetzt und nachfragt.

Klar, er ist kein Therapeut und schon gar nicht ist das eine Therapiesitzung. Für mich jedoch war das emotionale Moment—wie für jede*n Hörer*in—nicht zu überhören. Und es wäre sehr spannend gewesen, mit Waters mal in diese Tiefen seiner Seele zu blicken. Vielleicht ist es die Sozialisation dieser Kriegs- und Kalter-Kriegs-Kinder, dass sie emotional dahingehend wenig bis zu wenig Zugang ermöglichen.