Stationäre Therapie: freiwilliger Mut

Zusammenfassung: Wenn Du freiwillig in die Klinik willst, wird am meisten etwas dabei herauskommen. Nicht Dein Arzt oder Dein*e Partner*in sollte die Entscheidung getroffen haben, sondern Du. Damit schaffst Du Dir die beste Voraussetzung. Denn gegen den eigenen Willen zu arbeiten, bringt meist nicht viel.

Foto von Gelgas Airlangga

Die größte Herausforderung bei der Entscheidung für eine Klinik ist wohl, das Stigma zu überkommen. Die „Klapse“, die „Irrenanstalt“, all diese Klischees tragen nicht unbedingt dazu bei, dass solch eine Entscheidung leicht fällt.

Ich kann Dich jedoch beruhigen: moderne psychosomatische Kliniken sind keinesfalls schlimme Orte, sondern Einrichtungen, die darauf spezialisiert sind, Deine Probleme und Fragestellungen, Deine Herausforderungen und Schicksale anzuerkennen und Dir gezielt dabei zu helfen, in Deinem Heilungsprozess weiter zu kommen.

Ein freiwilliger Schritt kann dann leichter passieren, wenn Du Dir über Dein Thema klar bist, wie bereits beschrieben. Denn dann gibt es eine intrinsische Motivation, auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten.

Ganz konkret bedeutet Freiwilligkeit vor Ort sodann Zeitersparnis, denn Unfreiwilligkeit wird Dich in der Therapie nur Zeit kosten. Das hat auch mit Offenheit zu tun, weil es Dir sonst schwerer fallen würde, Dich auf die Angebote einzulassen. Du wirst länger brauchen, um anzukommen, um die Therapie zu akzeptieren, um die Angebote zu verstehen, um in Kontakt mit der Patientengemeinschaft zu kommen, kurz: um die Therapie annehmen zu können.

Mut

Gerade, wenn es Dein erster Klinikaufenthalt ist, braucht es auch Mut, sich dem zu stellen. Und solltest Du noch nie mit Psychotherapie ganz grundsätzlich Erfahrung gesammelt haben, ist das natürlich noch schwieriger. Letztlich läuft es doch darauf hinaus, mit seinen Gefühlen in Kontakt zu stehen und das ist für Patient*innen in Kliniken in der Regel schwer. Das liegt aber nicht daran, dass es die Kliniken den Patient*innen schwer machen, sondern weil in ebendiesen Kliniken Menschen sind, die besondere Belastungen erfahren haben.

Die damit verbundenen Emotionen tun zumeist weh – wir Menschen aber, so meine Beobachtung, vermeiden lieber, so lange es geht, bevor wir uns diesen unangenehmen Gefühlen stellen. Das zu tun, braucht Mut. Daher sind Freiwilligkeit und Mut hier zwei Seiten derselben Medaille. Diese ist nicht zu verwechseln mit Selbstlosigkeit, also so, dass Du Dich gleichsam passiv einer Behandlung unterziehen würdest, nach dem Motto: „Hier bin ich! Macht mit mir, was ihr wollt.“

Das widerspricht dem Prinzip der eigenen Arbeit und dass der Therapeut nur Hilfestellungen, Hinweise, Anstöße geben kann. Im psychotherapeutischen Kontext gibt es keine Behandlung, die wie eine Operation wirkt, wo also die/der Patient*in sich nur „hingeben“ muss und die eigentliche Genese durch einen Experten vollzogen wird.

Sich einlassen können

Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass es mit Deiner Freiwilligkeit und Offenheit oder Deinem Mut nicht ganz so optimal bestellt ist, wenn Du in die Klinik gehst. Denn immerhin erwartet Dich etwas völlig Neues und dass es kein Spaziergang wird, leuchtet Dir auch ein. Warum also solltest Du dort „mit Freude“ hingehen?

Jetzt aber kennst Du die Ausgangslage und weißt, dass eine positive Haltung besser wäre und kannst darauf hinarbeiten, Dich dem Prozess in der Klinik zu öffnen.

Denn ohne Freiwilligkeit dauert es Wochen, bis Du wirklich ins psychotherapeutische arbeiten kommst. Dann kann der Aufenthalt schon halb vorbei sein. Deine Aufgabe wäre also zunächst, Dich auf die Herausforderung des Ankommens einzustellen.

Sollte das nicht passieren, schickt Dich die Klinik vielleicht schon wieder nach Hause, weil die Therapeut*innen merken, dass Du nicht vorankommst. Aber keine Angst, das passiert wirklich nur, wenn Du dort tatsächlich nicht mehr sein willst. Und in diesen Fällen sind die Betreffenden schon oft auf eigenen Wunsch wieder gegangen, denn auch rein formell gesehen ist der Aufenthalt zuallererst eines: freiwillig.

Dieser Beitrag ist Teil der Vertiefungen zum Überblicksartikel „Stationäre Therapie – wieso, wie und wo“.