Warum stationäre Therapie: Der Bedarf und Dein Thema

Zusammenfassung: Warum soll ich überhaupt in eine stationäre Therapie gehen? Über Deinen Bedarf und Dein Thema solltest Du Dir weitgehend im Klaren sein. Hier erfährst Du, wie Du eine Konkretisierung vornehmen und so auch Deine Motivation für einen Klinikaufenthalt finden kannst.

Picture by Simon Matzinger

Als ich das erste Mal in eine Klinik ging, ging es um Wut. Das zweite Mal ging es um Trauer. Und das dritte Mal um Traumata. Das waren jeweils die konkreten Themen, die mich in der Phase vor dem Gang in die Klinik beschäftigten.

Alle Themen konnten wiederum weiter konkretisiert werden – und mit jedem Mal wurde der Anlass umso plastischer für mich, weil die jeweilige, bis dato gemachte Therapieerfahrung in die Entscheidung für die Klinik mit einfloss.

Als es um Wut ging, entdeckte ich dieses Thema gerade erst. Die eigenen Gefühle wieder zu entdecken, spielte eine große Rolle. Ich wollte einen geschützten Raum, um keine Angst beim „entdecken“ der Wut zu haben.

Als es um Trauer ging, hatte sich vier Jahre zuvor meine Mutter das Leben genommen. Jetzt war der Zeitpunkt, zu dem sich die Trauer ihre Bahn brach. Auch hierfür wollte ich einen geschützten Raum. Dazu gehörte auch, dass ich gar nicht wusste, wie ich den Alltag bewältigen sollte, denn ständig musste ich weinen.

Beim dritten Mal war ich sehr fokussiert auf das Thema PTBS. Ich erkannte Zusammenhänge zwischen meinem schlechten Schlaf und den Hintergründen, die es mir im Alltag schwer machten, mit gutem Gefühl ins Bett zu gehen.

Klarheit und Motivation

Die Klarheit über die eigene Thematik machte die Motivation sehr leicht, aus eigenen Stücken heraus einen Klinikaufenthalt anzugehen.

Warum also gehe ich in eine Klinik? Weil ich mir Besserung erhoffe. Weil der Leidensdruck zu hoch ist. Weil es mir schlecht geht. Weil ich intensiv an mir arbeiten möchte. Und vielleicht, weil mir das jemand – mein Arzt, ein Freund, mein*e Partner*in – mir das geraten hat.

Das sind ebenfalls Gründe für einen Klinikaufenthalt, nur leider keine allzu guten. Denn sie sind nicht wirklich konkret. Einen möglichst konkreten Grund für einen Klinikbesuch zu haben, ist neben der Motivation auch deshalb so hilfreich, weil dadurch Zeit gespart werden kann, in der Klinik „anzukommen“.

Sicherlich helfen die Therapeut*innen, das eigene Thema zu finden, zugleich fällt es auch diesen leichter, anzuknüpfen, wenn Du für Dich weitgehend klar darüber bist, warum Du in die Klinik möchtest.

Das heißt zugleich, dass – im besten Falle – bereits (viel) Vorarbeit geleistet wurde, Du also bereits viel Reflexionsarbeit getan hast, sodass Dir der zentrale Grund für den Aufenthalt klar ist.

Zu viele Themen sind auch nicht gut. Solltest Du eine ganze Liste aufzählen können, was Deine Themen sind und Du Dich nicht entscheiden können, dann wäre das für mich eher ein Indiz dafür, dass die notwendige Klarheit noch nicht vorhanden ist.

Leitfaden Emotion

Daneben können Emotionen als Leitfaden helfen. Anders gesagt: Alle Themen, die eher faktischer, ja gegenständlicher Natur sind, führen eher weiter weg vom eigentlichen Thema. Also etwa der Tod des Vaters, der Konflikt mit dem Chef oder die Schwierigkeit, Bindungen einzugehen, sind durchaus wichtige Dinge und manche davon auch gute Gründe. Es lohnt sich dennoch, diese Themen aus der Sicht der Emotionen zu betrachten. Oftmals werden daraus Themen wie

  • die Trauer um den Verlust des Vaters
  • die Wut gegenüber Vorgesetzten oder
  • die Angst in sozialen Beziehungen.

Weiterhin ist eine Engführung der eigenen Thematik auch deshalb sinnvoll, weil Du selbst in einem 12-wöchigen Klinikaufenthalt gar nicht allzu viel bearbeiten kannst. Stelle Dir selbst vor, wie sehr Du Dich über die Jahre verändert hast und wie schnell diese Veränderung vonstatten ging. Und jetzt soll innerhalb weniger Monate dieses Etwas, zum Beispiel diese Angst in Beziehungen so schnell voll und ganz verschwinden?

Gedämpfte Erwartungen

Gerade wenn es Dein erster Berührungspunkt mit Psychotherapie überhaupt ist, ist es eine große Herausforderung und die Erfolge werden eher kleiner sein. Dann ist es die Aufgabe für Dich, während des Aufenthalts mehr Klarheit über Dein Thema zu erlangen. Sofern Du also den Wunsch nach einem Klinikaufenthalt verspürst, solltest Du diesem nachgehen und es nicht davon abhängig machen, ob Du ein eindeutiges Thema mitbringst.

Zugleich beginnt die eigentliche Arbeit erst nach der Entlassung, weil Du dann den Alltag noch bewältigen musst – aber da sind wir ja noch nicht.

Darüber hinaus solltest Du nicht vergessen: Dein Grund kann sich in der Klinik ändern. Das wiederum hängt mit einem anderen wichtigen Aspekt zusammen, nämlich der Offenheit der Behandlung gegenüber!

Dieser Beitrag ist Teil der Vertiefungen zum Überblicksartikel „Stationäre Therapie – wieso, wie und wo„.